31.08.
bis
02.09.
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Micro Performance and
Macro Matters
Andere

Science & Art Festival

Öffnungszeiten:
Freitag, 31.08.2018 19-23 Uhr
Samstag 01.09.2018 13-23 Uhr
Sonntag 02.09.2018 11-18 Uhr
Eintritt frei!

Brandaktuelle Strömungen der Performance-Kunst inszenieren im Zeitalter von biotechnischer Manipulation nicht nur den menschlichen Körper, sondern erweitern das Spektrum unserer Handlungen um die Aktionspotentiale von Materie, Molekülen, Bakterien, Zellen des Tierischen und des Pflanzlichen. Sie fordert ökologisches Bewusstsein jenseits des verheerend grassierenden Anthropozentrismus – also den übertriebenen Drang des Menschen, sich selbst als den Mittelpunkt der weltlichen Realität zu sehen. Transformationen in vivo und in vitro auf der mikroskopischen Kleinstebene lassen neue Hybride entstehen, bei denen der menschliche Körper nur noch einer von vielen ist. Das Festival {un][split} zeigt künstlerische Positionen des Digitalen sowie des Analogen und des Spaltens und Zusammenfügens übersehener Akteure: tanzende Mehlwürmer gegen die Mikroplastik-Pest, Eukalyptus-Moleküle auf globalem Eroberungszug, Biobricks als lebende Währung und Spekulationsobjekt, Gensequenzen als nationale Identität, kollektive Intelligenz von Ameisen, Photonen, Blasen und exoplanetarische Phänomene, Organismen als Schlachtfeld digitaler Steuerung, oder soziale Verantwortung jenseits von Game- und Spaßkultur.

Kuratiert von Jens Hauser (Paris/Kopenhagen) in Zusammenarbeit mit Dietmar Lupfer; Muffatwerk.


Stelarc (Australien): Re-Wired / Re-Mixed
Wer bin ich und wie viele? In der Body Performance Re-Wired / Re-Mixed inszeniert und erlebt Stelarc eine fremde, fragmentierte und desynchronisierte Wirklichkeit am eigenen Leib. Eine VR-Brille und geräuschunterdrückende Kopfhörer schotten ihn von seiner realen Umgebung ab, so dass er nur die Eindrücke empfängt, die ihm aus London (visuell) und New York (audio) zugespielt werden. Sein rechter Arm ist in ein Robotergestell geschnallt und kann online, via Interface, extern gesteuert werden. Eine ästhetische und physiologische Versuchsanordnung über die Konstruktion des Ich in der Interaktion.

Paul Vanouse (USA): The America Project
Das Thema dieser biologischen Installation ist der sogenannte genetische Fingerabdruck. Paul Vanouse sammelt und mischt Speichelproben des Publikums, die er in einer Live-Video-Projektion visualisiert. Statt des einen, unverwechselbaren Fingerabdrucks entstehen symbolische Abbilder einer geteilten, ständig im Fluss befindlichen Identität. Hier manifestiert sich die Macht der 99 %. Eine Rückkehr zur alten Utopie von Amerika als Schmelztiegel der Kulturen und eine Kampfansage an das derzeit so populäre Ideal einer eindimensionalen, nationalistisch geprägten USA.

Klaus Spiess & Lucie Strecker (Österreich / Deutschland) mit Oleg Soulimenko and Ann Liv Young.
Hare’s Blood ++

Aus dem Multiple Hasenblut von Joseph Beuys extrahierten Klaus Spiess und Lucie Strecker vor vier Jahren ein Gen, das Organismen vor Alterung schützt. Kloniert in lebenden Mikroben, ist dieser Hasen-Hybrid seitdem in flüssigem Stickstoff gelagert – und wächst in seinem Bioreaktor ständig weiter. Auf den Spuren von Beuys wandelt das an der Schnittstelle von Kunst und Biotechnologie operierende Duo aber auch in der direkten Aktion vor Ort: eine Versteigerung, bei der die Bieter in der Muffathalle Teil eines gemeinschaftlichen Rituals werden, in dem sich Tier, Mikroben und Mensch organisch verbinden.

Yann Marussich (Schweiz): Portrait in an Anthill & Traversée
Der Body Artist und Extremkünstler ist mit gleich zwei Performances im Programm. In Traversée liegt er nackt und mit einem Strang um den Hals auf einer 13 Meter langen Matte. Jeder Besucher kann nach Belieben an der mit dem Strang verbundenen Seilwinde drehen, so dass eine sado-masochistische Interaktion aus Publikum und Performer entsteht. Auch Portrait in an Anthill ist eine Begegnung mit dem Tod – und macht den Zuschauer erneut zum Komplizen einer makabren Versuchsanordnung. Zu vollkommener Bewegungslosigkeit verdammt, teilt sich der nackte Marussich einen engen Glaskasten mit einem Ameisenhaufen. Fünf ganze Stunden lang. Kopfhörer und Screens sorgen für detailliert-voyeuristische Eindrücke live aus dem Alptraum-Szenario.

Aniara Rodado (Kolumbien / Frankreich): Transmutation de Base

Die Choreographin Aniara Rodado und der Physiker Jean-Marc Chomaz laden ein in eine alchemistische Hexenküche. Ihr Ziel: die Interaktion von Mensch und Pflanze. Ihr Transformator: eine Anlage zum Destillieren von Eukalyptusblättern. Gerüche, die geheimsnisvolle Optik der verkabelten, im Dunkeln leuchtenden Behälter und das akustisch verstärkte Brodeln des Destillationsprozesses ergänzen sich zu einer Erfahrung für alle Sinne.


Tina Tarpgaard (Dänemark): MASS – bloom explorations

Zwischen Gewächshaus und Mausoleum bewegt sich die Installation der dänischen Choreographin Tina Tarpgaard. Während tausende Mehlwürmer die sie umgebende durchsichtige Kuppel langsam fressen und in Kompost verwandeln, begleitet eine Tänzerin sieben Stunden täglich den Zersetzungsprozess. Am Schluss ist das Plastikuniversum zu Erde zerfallen. Die Klänge der fressenden Würmer und ein eingespielter Originaltext von Ida Marie Hede erzeugen die Soundkulisse der Performance, die im Vergehen schon das Neue heraufbeschwört.

Kuai Shen feat. Auriel (Deutschland / Ecuador):
Plectrum: viral vibrations and electric ants

Der Insektenversteher: Seine Faszination mit dem Sozialverhalten und der Intelligenz von Ameisen und anderen Insekten setzt Kuai Shen in spektakuläre Bio-Kunst-Installationen um. Sein aktuelles Projekt lässt Mensch und Ameise einmal mehr auf Augenhöhe agieren, denn: Auch Blattschneiderameisen besitzen ein Plektrum! Die durch Reibung erzeugten Töne setzen sie zur Kommunikation mit Artgenossen ein. Kuai Shen und der E-Gitarrist Auriel interagieren mit den verstärkten akustischen Signale aus einer Ameisenkolonie. In Kombination mit den Bildern aus dem Terrarium entsteht eine einzigartige audiovisuelle Perfomance.


Dmitry Gelfand & Evelina Domnitch (USA / Russland-Weißrussland): 10000 Peacock Feathers in Foaming Acid & Force Field

Das Künstlerpaar ist bekannt für seine immersiven, sinnlich fassbaren Installationen, die Physik, Chemie und Philosophie auf aufregende Weise zusammenführen. In München zeigen sie gleich zwei Arbeiten: Wie ein Sonnensystem im Kleinen bringt Force Field Wassertropfen durch akustische Impulse dazu, zu schweben, zu klingen und sich ständig neu zu formieren. In 10000 Peacock Feathers in Foaming Acid bestrahlen sie die Oberfläche von Seifenblasen mit Laserlicht. Das Ergebnis sind faszinierende großflächige Projektionen molekularer Interaktionen und nichtlinearer Optik. Die Arbeit wird in Sphæræ gezeigt, einem mehrkuppeligen Performance-Pavillon von Cocky Eek.

Julia Borovaya (Russland): Crystal
Crystal folgt einer Erkenntnis der großen Marina Abramovic: „Nur die physische Erfahrung kann die Menschen spirituell weiterbringen. Kein Buch schafft das.“ Entsprechend lässt die Versuchsanordnung von Julia Borovaya ihren eigenen Körper und eine chemische Substanz in Kontakt treten und dabei mehrere Aggregatzustände durchlaufen. Die Performance-Künstlerin interagiert in einem Aquarium mit Dämpfen, die aus der Nebelphase der Substanz stammen. Polykristalle und Dendrite kristallisieren sich auf ihrem Körper, bis sie im dritten Schritt durch Verdampfung wieder verschwinden.

Katrin Petroschkat & Susanne Schmitt (Deutschland): BarFly // Drinks for Insects
Im Englischen meint barfly sowohl die nervige Fliege, die über dem Tresen schwebt, als auch den Kneipenhocker, auf dessen Drink sie sich von Zeit zu Zeit niederlässt. Die Künstlerin und Performerin Katrin Petroschkat und die Anthropologin und Künstlerin Susanne Schmitt haben diesen Ausdruck wörtlich genommen und eine Bar für Insekten entworfen. Konsumieren kann man folgerichtig keine Getränke, sondern destillierte Pflanzen- und Blumendüfte, die in unterschiedlichster Weise aufbereitet sind. Eine olfaktorische Oase und ein Memento Mori in Zeiten des großen Insektensterbens. Kredenzt werden Bouquets wie Toxic Refuse, Neolithic Nightcap und Indian Spring. Wird die barfly das letzte Insekt an der Theke sein?

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