Muffatwerk

Die produktive Energie der Vielfalt –
das Münchner Muffatwerk

Das 1993 gegründete Muffatwerk in München bietet ein breitgefächertes, spartenübergreifende Programm und ist ein Knotenpunkt internationaler Kultur.

In dunklen Nächten einfach dem Rauschen folgen. So könnte die Wegbeschreibung zum nachtaktiven Muffatwerk lauten. Der Auer Mühlbach, dessen Wasser dem ehemaligen Dampfheizkraftwerk zur Kühlung diente, rast hier gegen ein Wehr. Von weitem hat der von hohen Bäumen beschattete Jugendstil-Industriebau etwas Verwunschenes, Märchenhaftes. Wer zum ersten Mal hinfindet, fühlt sich als Entdecker. Dabei ist das Muffatwerk alles andere als ein Geheimtipp, sondern der Ort, an dem München zur Metropole wird.

Der Puls des Ortes schlägt hoch. Künstler aus mehr als 100 Ländern der Welt geben sich bei über 600 Veranstaltungen im Jahr die Klinke in die Hand.

Choreografen wie Jan Fabre, Meg Stuart, Vim Vandekeybus, Theaterleute über Christoph Schlingensief zu Tim Etchells von Forced Entertainment, Jazz- und Popgrößen von Herbie Hancock zu Zweiraumwohnung oder Schriftsteller wie Salman Rushdie und Peter Esterhazy. Internationale Multimedia-, Tanz- Literatur- oder Neue-Musik-Festivals wechseln sich ab.

Dietmar Lupfer und Christian Waggershauser, Gründer und Leiter des seit 1993 als GmbH geführten Kulturkraftwerks, gehen das Wagnis ein, sich nicht durch eindeutige politische oder ästhetische Prämissen zu profilieren. Es gehe ihnen eher darum, „ein urbanes Lebensgefühl zu etablieren und ein Angebot zu machen, in dem sich eine soziale Reflexion und eine humanistische Grundhaltung widerspiegeln“, formuliert Lupfer vorsichtig. Längst ist der Spielort zu einem international beliebten Treffpunkt der Szenen von Jugendkultur bis Avantgarde geworden.

Erarbeiteter Luxus:
Richard Siegal ist dritter Artist in Residence

Der Choreograf und Tänzer Richard Siegal ist der dritte Artist in Residence im Programm des Muffatwerks. Nicht immer kann man sich dort eine Residence leisten. Den Anfang machte, nachdem seine Company dem Frankfurter Etatkürzungs-Fiasko zum Opfer fiel, Rui Horta. Inzwischen hat er mit o espaço do tempo (Raum der Zeit) ein wichtiges interdisziplinäres Tanzzentrum in seiner portugiesischen Heimat geschaffen. Für Richard Siegal und seine Produktionsgemeinschaft The Bakery war das Muffatwerk schon während der Entwicklung multimedialer Stücke im Zusammenhang mit einem Motion-Capture-Programm ein wichtiger Kooperationspartner. Die Ergebnisse dieser intensiven Arbeit besprach Siegal im April 2010 mit einem interessierten, bunt gemischten Publikum.

„Die seltene Mischung aus Diskursfähigkeit und hohem tänzerischen Niveau“, schätzt der künstlerische Leiter Dietmar Lupfer an Siegal. Dessen Auseinandersetzungen mit Körper und Technik, Aktion und Manipulation passen gut ins Konzept. Denn ein Mediengewissen zu etablieren, ist den Veranstaltern ein ausgesprochenes Anliegen. Im Bereich Neue Medien und Soziale Installation halten sie intensiv mit progressiven Entwicklungen Schritt. Das interdisziplinäre Symposium Neuro – Networking Europe war im Muffatwerk zu Gast, der Installationskünstler Chico Macmurtrie war als Artist in Residence Siegals Vorgänger. Auch Ulf Langheinrichs Hemisphere, ein mediales Biotop, kam auf dem Weg von Rom zum Berliner Martin-Gropius-Bau vorbei.

Kulturförderung hat Grenzen,
macht aber Sinn

Die Geschäftspartner Waggershauser und Lupfer sehen sich dabei nicht als „Culturel Industry“. Der Begriff sei ein Antagonismus. Kulturproduzent müsse weiterhin hauptsächlich die öffentliche Hand bleiben. Auch das Muffatwerk beantragt für einzelne Veranstaltungen Fördergelder und geht Kooperationen mit Stiftungen und Kulturinstituten, Koproduktionen mit Bühnen wie dem PACT-Zollverein oder dem Mousonturm ein. Auch für die Renovierung der denkmalgeschützten Industriearchitektur kam die Stadt in mehreren Anläufen auf. Das Muffatwerk bewirtschaftet inzwischen über 3.000 Quadratmeter: Die große Muffathalle – eine ehemalige Turbinenhalle, mit aufwendiger und flexibler Bühnentechnik ausgestattet – außerdem zwei üppige Studios und den 2005 eröffneten intimeren Veranstaltungsraum für bis zu 400 Besucher, das Design-gespickte Ampere. Hinzu kommen das Café für kühle und der Biergarten für sonnige Tage an der nahen Isar.

Auch Richard Siegal ist begeistert von den Möglichkeiten des Areals. Mit einer jüngst zugesagten dreijährigen Optionsförderung des Kulturreferats könnte sich sein Wunsch von einem neuen Beziehungsnetzwerk in München erfüllen. Und vielleicht könnte auch endlich der Traum der Münchner Szene wahr werden, zu einer relevanten internationalen Adresse für zeitgenössischen Tanz zu werden.

Astrid Kaminski
arbeitet als freie Autorin und Journalistin. Sie schreibt über Literatur, Tanz und Performance für Tages- und Fachzeitungen.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Muffathalle
Ampere
Muffatcafé
Studios
Biergarten