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13.03
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NADAR ENSEMBLE
Konzert

New Orchestra Days im Muffatwerk

Doppelgänger

Die Formen der Wahrnehmung stehen im Zentrum der Arbeit des Nadar Ensembles. Im Programm „Doppelgänger“ untersuchen die belgischen Künstler die Korrelationen zwischen Hör- und Seh-Ebenen, zwischen Musik, Geräuschen und Bildern. Bei einem der aufgeführten Stücke kommen auch Ballons zum Einsatz ganz im Sinne des Namensgebers des Ensembles. Nadar war nämlich das Pseudonym von Gaspard-Félix Tournachon, einem Fotografen, Künstler, Kunstkritiker, Karikaturisten und Ballonfahrer.




- Georges Méliès: L’Homme Orchestre (1900)

- Serge Verstockt: A la Recherche de Temps for clarinet, audio and video playback (2005)

- Simon Steen-Andersen: Study for string instrument #3 for cello and video (2011)

- Michael Beil: Mach Sieben for piano, audio and video playback (2000)

- Michael Maierhof: Shopping 4 for 3 players (2005/06)

- Stefan Prins: Generation Kill - offspring 1 for cello, percussion, 2 gamecontroller performers, 2 videoprojections and live electronics (2012



Obwohl in »A La Recherche De Temps« (2005) nur eine Klarinette auf der Bühne zu sehen ist, erschafft Serge Verstockt beinahe ein Klarinettenorchester. Er bearbeitete 16 Aufnahmen des selben Stücks und schuf damit eine audiovisuelle Begleitung zur Live-Performance.Die Augen und Ohren des Publikums werden mit einem Werk konfrontiert, das im Grunde immer das gleiche ist, aber in seiner ursprünglichen Form immer wieder in einer anderen zeitlichen Dimension gefangen wird. Die Wiedergabe wird verlangsamt oder beschleunigt – manchmal zusammen mit einer Videoaufnahme des Musikers – und dann wieder auf sein ursprüngliches Tempo gebracht, wodurch die Zeit an sich greifbar plastisch zu werden scheint. Dies lässt ein wenig an Animationsfilme, die man aus dem Kinderprogramm kennt, denken, in denen Plastilinmännchen ständig in neue Formen und Gestalten gemorpht werden.Im Gegensatz zu Serge Verstockts Stück wird in »Study for string instrument #3« (2011) von Simon Steen-Andersen ein Video auf den Musiker selbst projiziert, was Cellist und Projektion scheinbar eins werden lässt. Das Werk wurde für zwei verstärkte Celli und präparierte Bögen geschrieben – eines davon live gespielt und das andere vorher aufgenommen und auf dem Körper des Spielendenabgebildet. Es ist wie eine Choreographie für zwei Cellisten, manchmal verschmelzen diese um ein einziger geisterhafter Spieler zu werden, manchmal teilen sie sich in zwei wie in einer optischen Täuschung, in der es nicht mehr möglich ist, zwischen den beiden zu differenzieren. Der Cellist tanzt … mit sich selbst.


Die ganze Serie (Study #1-3) kann als kontinuierliche Annäherung an die Grenze zwischen Ton und Bewegung gesehen werden. In #3 wird diese Grenze endgültig überwunden frei nach dem Motto »dieses Stück muss für einen gehörlosen Menschen genauso interessant sein wie für einen blinden«.


In dem enigmatischen Stück »Mach Sieben« (aus dem Jahr 2000) spiegelt Michael Beil Bild und Musik. Diese Komposition ist ein musikalisches Palindrom, das gleichzeitig vorwärts und rückwärts gesehen und gehört werden kann und das Publikum in eine »lyncheske« Atmosphäre taucht.Das Klavierstück Mach Sieben wird vor der Aufführung in voller Länge auf Band und Video aufgezeichnet. Der Pianist wird aus der Sicht des Zuhörers/Zuschauers gefilmt. Die Ton- und Videoaufnahmen werden anschließend am Computer in der Zeitrichtung umgekehrt und im Konzert rückwärts abgespielt. Damit der Pianist alle Bewegungsabläufe im rückwärts laufenden Film zum Schein vorwärts ausführt, werden sie bei den Filmaufnahmen rückwärts gespielt. Das betrifft alle Aktionen, die mit dem Auftritt des Musikers verbunden sind. Der Pianist tritt rückwärts auf und ab und führt während des Spiels kleinere zunächst unauffällige Aktionen aus, die jeweils im Film und live zur gleichen Zeit zu sehen sind. Um dies zu ermöglichen ist das Stück so notiert und konzipiert, dass alle Töne, Klänge und Aktionen des Pianisten nach der Hälfte des Stückes in umgekehrter Reihenfolge ausgeführt werden.


Die Komposition der Musik ist so angelegt, dass die Rückwärts-Klaviertöne des rückwärts laufenden Bandes genau wie in der Partitur notiert mit live gespielten Tönen zusammentreffen. Dadurch entsteht eine Symmetrieachse in der Zeit, die in der Spiegelachse der räumlichen Gegenüberstellung des Live-Klaviers und des projizierten Klaviers ihre Entsprechung findet.


Die Videoaufnahme wird im Konzert synchron zum Ton und seitenverkehrt projiziert. Die Projektionsfläche für das Video befindet sich rechts neben dem Flügel. Der Pianist sitzt aus der Sicht des Publikums sich selbst gegenüber. Die mit der Tonerzeugung und mit der Konzertsituation verbundenen Aktionen und Bewegungen des Pianisten bei der Aufnahme des Videos und bei der Aufführung sind in der Partitur genau festgelegt und identisch. Sie sind so konzipiert, dass durch genaue zeitliche Koordination bei der Aufführung eine scheinbare Kommunikation und Reaktion zwischen dem Live-Pianisten und demselben Pianisten im Video stattfindet.“ (Michael Beil)


»Shopping 4« (2005/06) von Michael Maierhof ist ein eindrucksvolles


Stück für drei präparierte Ballons. Mit der Hilfe von Gaffa Tape, Schwämmen und Stecknadeln hat Maierhof eine neue, scheinbar elektronische Klangwelt erschaffen. Der visuelle Aspekt hat in diesem Stück dieselbe Relevanz wie der akustische.


Die »Shopping«-Serie begann mit einem Auftragswerk für ein Schulorchester, in dem jedoch die Spielniveaus der Schüler stark variierten. Somit entstand die Idee, dass alle das gleiche Instrument spielen sollten – und zwar jeder auf zwei Ballons – und sich dafür eine neue Technik aneignen mussten. 1997 begann Maierhof mit Kratzen auf gespannten Plastiksäcken (»Techno in Tüten«, Auftragswerk für L’Art Pour L’Art). Die Verwendung der Ballons waren für ihn eine mögliche Fortsetzung dieser Arbeit mit Resonanzräumen, welche Luft unter hohem Druck halten.In »Shopping 4« – einem Kammermusik-Trio – spielen die Musiker auf der Oberfläche des Ballons hauptsächlich Kreise und Achter mit einem nassen Schwamm, eine Methode, um Rhythmus und Klang räumlich zuzuordnen. Alle Ballons haben dieselben rhythmischen Gaffa-Tape-Applikationen, damit sie unterschiedliche Frequenzbereiche abdecken können. Das Klebeband dämpft bestimmte Bereiche des Ballons, womit auch sehr tiefe Bassfrequenzen möglich gemacht werden. (Michael Maierhof)


Wie in Michael Beils Stück verwischen auch bei »Generation Kill – offspring 1« (2012) von Stefan Prins die Grenzen zwischen Realität und virtueller Welt, zwischen Projektion und Live-Geschehen. Zwei Performer steuern mit Hilfe von Gamecontrollern Projektionen von Musikern auf einer halbtransparenten Leinwand, hinter der wieder- um die realen Musiker spielen. Der virtuelle und der reale Künstler verschmelzen und oft ist nicht zu unterscheiden, welcher der beiden tatsächlich spielt. Die eingearbeiteten Videos von drohnengestützten


Militäreinsätzen erschließen eine weitere Ebene der Reflexionüber die Digitalisierung der heutigen Welt.


Das Stück ist eine musikalische und visuelle Reflexion über Videospiele, Krieg und die überwältigende Menge an Überwachungskameras im öffentlichen und privaten Raum. Für Stefan Prins waren es verschiedene Ereignisse der letzten Jahre, die ihn zu diesem Werk inspiriert haben. Während des Arabischen Frühlings wurde die ganze Welt Zeuge der Geschehnisse via Überwachungskameras und Handyvideos, die ins Internet hochgeladen wurden.Durch Social Media wie Facebook und Twitter wurden diese Prozesse noch beschleunigt, was dazu beitrug, dass in Tunesien und Ägypten die diktatorischen Regime gestürzt wurden.


Im selben Jahr, 2011, wurde eine umfangreiche Untersuchung veröffentlicht, die berechnete, dass es in Großbritannien eine Überwachungskamera auf 32 Einwohner fällt. Außerdem einflussreich für die Entstehung des Stücks


»Generation Kill« war Bildmaterial von US-amerikanischen ferngesteuertenDrohnenangriffen in Afghanistan. Parallel zu den offiziellen Bildern dieser Einsätze erschienen immer mehr Videos von Augenzeugen im Internet, die Unschuldige zeigten, die bei diesen Angriffen getötet wurden.


Ein Teaser für die Fernsehserie »Generation Kill« auf Youtube war weiteres einflussreiches Material für Stefan Prins. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch in welchem Evan Wright seine Erfahrungen als »Eingebetteter Journalist« während der Invasion des Iraks 2003 aufzeichnete. Die Aussage von einem der Soldaten schockierte Prins am meisten: »Es ist der ultimative Rush – du gehst in den Kampf mit einem guten Lied im Hintergrund«. Evan Wright erklärt: »Das ist ein Krieg, der von der ersten Playstation Generation geführt wird. Und eines kann man über sie sagen: Sie töten sehr gut im Irak«.


Zu diesem Zeitpunkt war mir klar«, erklärt Stefan Prins: »dass mein nächstes Stück all diese verwobenen Fakten reflektieren muss: die Gesellschaft, die mehr und mehr überwacht wird; die wachsende Bedeutung von Internet und sozialen Netzwerken, die durch Webcam- und Smartphone-Videos genährt werden; Videospiele und Kriege, in denen gekämpft wird wie in Videospielen und die Grenze zwischen Realität und Virtualität, die jeden Tag mehr verschwindet.« 



»Generation Kill – offspring 1« ist die erste Variation der größeren Komposition »Generation Kill« für 4 Musiker, 4 Gamecontroller, 4 Videoprojektionen und Live-Elektronik, das bei den Donaueschinger Musiktagen 2012 vom Nadar Ensemble uraufgeführt wurde. (Stefan Prins)

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www.nadarensemble.be